Am kommenden Freitag, den 29.08 feiern wir ab 17.00 Uhr unser 40-Jubliäum zur Einstimmung posten wird bis dahin ein paar Beiträge aus der aidshilfe dortmund Geschichte.
1985: Krisensitzung in Dortmunds Süden nach Horrormeldungen über neue Krankheit
Kaffee, Kuchen und ein Waldspaziergang
Ein Bericht zur Anfangszeit der aidshilfe dortmund:
"Wir springen 20 Jahre in der Zeit zurück: ins Jahr 1985. Kohl, Genscher, Honecker sind noch, Gorbatschow ist gerade im Amt. Es ist die Zeit vor der großen Wende in Europa, als Karol Wojtyla noch ein "junger" Papst in Rom ist und Bundestagspräsident Richard von Weizsäcker im Bundestag seine historische Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes hält. Die Dortmunder Professorin Rita Süssmuth ist Gesundheitsministerin in Bonn. Es sind restriktive Zeiten: der Paragraph 175 Strafgesetzbuch, der die Rechte von Homosexuellen einschränkte, ist noch genauso in Kraft wie der regressive Umgang mit Drogenkranken - Strafe vor Therapie.
In Amerika, auch in Frankreich, befassen sich schon seit einigen Jahren einige hoch speziali- sierte Mediziner, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, mit einigen noch seltenen Fällen von Immunschwäche, die nicht angeboren ist, die scheinbar durch ein unbekanntes Virus mit dem ominösen Namen "Humanes T-Zellen-Leukämie-Virus" der dritten Generation ausgelöst wird (HTLV III). Die Wissenschaftler treten erst vor die Öffentlichkeit, als die Fallzahlen steigen, als es um Patente und um das zu erwartende große Geld geht: der Franzose Luc Montagnier entdeckt als erster, der Amerikaner Robert Gallo publiziert als erster: das Virus des Jahrhunderts, das ausschließlich, so wird behauptet, junge Schwule und Drogenabhängige befällt, auch ein paar Bluter. Reagan und Mitterrand müssen später im Patentstreit schlichten, man tauft das Virus in "HIV" (Human Immuno-Deficiency Virus) um. Dortmund 1985: Die "Rosa Hilfe Dortmund im Kommunikationscentrum Ruhr e.V. (KCR)", die Schwulenselbsthilfe von Dortmund, berät.
in diesen Jahren junge Homosexuelle bei ihrem Coming Out, es ist eine Art schwule Telefonseelsorge Hauswurfsendung des Bundesministeriums für Jugend, Familie und Gesundheit, Mitte 1985. sorge. Auf einmal bricht das Virus in die lustvolle Gesellschaft ein, besorgte Anfragen häufen sich, Angst befällt die schwule Community: Wieso wir? Warum? Wie kann man sich anstecken? Oder besser: Wie kann man sich nicht anstecken?
Der damals noch vitale Mann in Rom, der dieses Jahr als Greisverstarb, weiß sofort, was los ist: Es ist die Strafe Gottes für Schwule und Junkies. Später auch für Huren, denn die ersten weiblichen Fälle sind Prostituierte.
Aber im August des Jahres 1985 stellt der "Spiegel" die Uhren in Deutschland neu: "Die Promiskuität ist der Motor der Seuche.- Die tödliche Immunschwäche Aids verbreitet Angst und Schrecken. Bricht sie endgültig aus dem Getto der Homosexuellen, Drogenfixer und Bluter aus? In USA und Europa häufen sich Panikreaktionen der Heterosexuellen. Kann schon ein Kuß den Tod bedeuten? Wie gefährlich sind Seitensprünge? Die Ärzte, im Kampf gegen Aids noch immer ohne Heilmittel, raten den Heteros zu Monogamie, den Schwulen zur Keuschheit."
Auf einmal ist Übertragung durch Tröpfcheninfektion, sprich Anhusten, möglich, alle sechs Monate Verdoppelung der Fallzahlen, hirnlose Hochrechnung der Todesfälle in massenhaften Dimensionen usw., und eben die Geschichte mit den Huren. Alles zu lesen im "Spiegel". Jetzt bekommen auch anständige deutsche Männer Angst! Die Grenze zwischen "Risikogruppe" und "Normalbevölkerung" verlagert sich.
Die Telefone bei der Rosa Hilfe und bei der Drogenberatung stehen nicht mehr still, nicht nur in Dortmund, in ganz Deutschland. In Berlin und Köln werden die ersten AIDS-Hilfen gegründet. An einem schwülen Sonntag im Sommer des Jahres 1985 treffen sich die Mitglieder der Rosa Hilfe beim Autor dieses Berichts zur Krisensitzung in Dortmund- Holzen, bei Kaffee und Sahnetörtchen. Man ist sich einig, geht es nicht weiter, AIDS ist ein Phänomen, das die Möglichkeiten der Selbsthilfe sprengt. Beim anschließenden Verdauungsspaziergang im Schwerter Wald wird die Idee vertieft, ein eigenständiges Hilfsangebot zu entwickeln. Die institutionelle Zusammenarbeit mit der Drogenberatungsstelle (DROBS) und dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband (DPWV) wird als essentiell angesehen und soll geprüft werden.
Die AIDS-Hilfe Dortmund ist auf den Weg gebracht. Das Notwendige wurde schnell umgesetzt: Der Verein "AIDS-Hilfe Dortmund" wurde am 4. September 1985 gegründet und am 7. Oktober 1985 beim Amtsgericht als e.V. eingetragen. Erster Vorstand waren Johannes Ulrich Adam (DROBS), Jochen Merchel (DPWV), Rainer Petrasch (Rosa Hilfe). Die Gemeinnützigkeit folgte. Vorläufige Aktivitäten waren tele)onische Beratung via DROBS und Rosa Hilfe. Als Postanschrift musste die Privatadresse eines Vorstandsmitglieds her- halten. Ausstattung: Null Büroräume, aber viele Engagierte.
Am 19. September 1985 dann die Bekanntmachung des neuen Hilfsangebots in der örtlichen Presse, sehr zum Ärger der Stadt: Die wollte als erste etwas anbieten, aber die Underdogs waren schneller als die Beratungsstelle des Gesundheitsamtes, die im Oktober ihr spezielles Angebot einrichtete. Ein Antrag auf Sachkostenzuschuss wurde verzögert behandelt. Dann gab es 1986 aber doch das erste Geld von der Stadt für die AIDS-Hilfe. Der Zuwendungsbescheid umfasste 13.800 DM Sachkosten für die neue Beratungsstelle in der Gerichtsstraße (ab 1986). Vorausgegangen auch: Klinkenputzen bei potenziellen Vermietern; die Menschen hatten Angst vor uns. Stand da ein Seuchenkranker vor der Tür und wollte einen Gewerberaum mieten, wo Schwule und Junkies sich treffen? Safe Sex und Safe Use? Pfui Deibel! Türenknall - nächste Adresse!
Schon im November 1985 stellte Jochen Merchel den ersten Antrag auf Bezuschussung von anstehenden Personalkosten im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für zwei hauptamtliche Mitarbeiter, mit Erfolg: für 1986 und 1987 wurden je 100.000 DM für die beiden ersten Mitarbeiter bewilligt. Die Grundlage war gelegt, allerdings: Gleich am ersten Arbeitstag zog sich einer der beiden 1-'fitarbeiter beim Fußballspielen einen Bänderriss zu. 50 Prozent Personalausfall. Erfreulich dagegen: Die Sponsoren wurden mehr - Privatleute, kleinere Firmen, die ungenannt bleiben wollten, die Kondomindustrie, die wohl genannt werden wollte, selbst die Stadtsparkasse zierte sich nicht mehr.
Irgendwann gab es dann den Umzug in die Klosterstraße, der Ärger mit den Nachbarn dort, die einen der ersten Spritzenautomaten Deutschlands in einer Nacht- und Nebelaktion von der Außenwand abrissen, und dann eine Anzeige wegen Förderung des Drogenmissbrauchs, wegen des Automaten! Selbstjustiz und Staatsanwalt. Was für ein spannendes Leben war das doch damals, zwischen Gefängnis und Tröpfcheninfektion. Die Routine kehrt irgendwann zurück, die Nachbarn hatten sich an uns gewöhnt, der Staatsanwalt fand seinen Frieden mit uns, die Mauer war gefallen, nicht nur in Berlin. Als die Finanzierung dauerhaft gesichert war, zogen sich die Gründer, leicht ausgebrannt, nach und nach zurück.
20 Jahre später: AIDS ist noch immer ein Problem, aus dem schnellen Tod ist eine chronische Krankheit geworden, aber nur in den Industrieländern, in Afrika sterben die Menschen weg. Die alten Männer in Rom verkünden noch immer die Keuschheit und verbieten die Verhütung. Und die Pharmaindustrie ist so reich.
Rainer Petrasch
(Der Autor ist Gründungsmitglied der AIDS-Hilfe Dortmund e.V.)"

